
Es war ein ungewöhnlicher Wunsch für eine junge Frau im Amerika der 1840er-Jahre.
Elizabeth Blackwell wollte Ärztin werden.
Nicht Krankenschwester. Nicht Hebamme. Nicht Lehrerin.
Ärztin.
Doch als sie begann, diesen Gedanken ernsthaft zu verfolgen, bekam sie immer wieder dieselbe Antwort: Das sei unmöglich.
Elizabeth war 1821 in England geboren worden und kam als Kind mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten.
Nach dem Tod ihres Vaters arbeitete sie zunächst als Lehrerin, wie es für eine gebildete Frau ihrer Zeit naheliegend war. Mit Medizin hatte sie zunächst wenig zu tun.
Im Gegenteil.
Blackwell schrieb später, dass sie sich bei dem Gedanken an die körperliche Seite der Medizin zunächst sogar unwohl fühlte.
Dann erkrankte eine enge Freundin schwer.
Die Freundin äußerte gegenüber Elizabeth, dass ihr Leid möglicherweise geringer gewesen wäre, wenn sie von einer Ärztin behandelt worden wäre.
Dieser Gedanke blieb Elizabeth Blackwell im Kopf.
Warum eigentlich sollte eine Frau keine Ärztin werden können?
Sie begann, sich mit Medizin zu beschäftigen. Sie las Bücher, suchte den Rat von Ärzten und lernte zunächst auf eigene Faust. Mehrere Ärzte unterstützten sie und ermöglichten ihr, praktische Erfahrungen zu sammeln.
Doch der Weg zu einem Medizinstudium schien versperrt.
Blackwell bewarb sich bei zahlreichen medizinischen Hochschulen. Mehr als ein Dutzend Bewerbungen führten nicht zum Ziel. Für Frauen war eine medizinische Ausbildung zu dieser Zeit ungewöhnlich und an vielen Hochschulen gar nicht vorgesehen.
Aber Elizabeth gab nicht auf.
Dann kam im Oktober 1847 ein Brief aus Geneva im Bundesstaat New York.
Die Geneva Medical College teilte ihr mit, dass sie aufgenommen worden sei.
Der Grund für diese ungewöhnliche Entscheidung war allerdings weniger schmeichelhaft, als es zunächst klang.
Die Hochschulleitung hatte angenommen, dass die männlichen Studenten eine Frau niemals in ihren Reihen akzeptieren würden. Deshalb überließ man ihnen die Entscheidung.
Die Studenten stimmten zu – zunächst offenbar eher aus einem Scherz heraus als aus wirklicher Überzeugung.
Elizabeth Blackwell nahm die Zusage trotzdem ernst.
Und sie ging nach Geneva.
Nun begann der schwierigere Teil.
Sie war die einzige Frau unter den Medizinstudenten.
Manche ihrer Mitstudenten begegneten ihr mit Respekt, andere mit Skepsis. Auch innerhalb der Hochschule musste sie immer wieder darum kämpfen, als Studentin und nicht als Kuriosität behandelt zu werden. Bei bestimmten Unterrichtsveranstaltungen wurde sie zunächst ausgeschlossen. Sie bestand jedoch darauf, ganz selbstverständlich als Medizinstudentin behandelt zu werden.
Sie blieb.
Sie lernte.
Und sie wurde immer besser.
Was vielleicht als Scherz begonnen hatte, entwickelte sich zu einer ernsthaften akademischen Leistung.
Am 23. Januar 1849 war es schließlich soweit.
In Geneva fand die Abschlussfeier statt.
Die Kirche war voll. Viele Menschen waren gekommen, weil sie etwas Außergewöhnliches erleben wollten: die Verleihung eines medizinischen Doktorgrades an eine Frau.
Elizabeth Blackwell wurde als Letzte aufgerufen.
Der Präsident des Colleges erhob sich, überreichte ihr das Diplom – und Blackwell nahm es entgegen.
Sie war nun Ärztin.
Die erste Frau in den Vereinigten Staaten, die an einer medizinischen Hochschule den Doktorgrad erworben hatte.
Doch mit dem Diplom war ihr Weg noch lange nicht beendet.
Blackwell wollte praktische medizinische Erfahrung sammeln und ging nach Europa. In London und Paris arbeitete und studierte sie weiter. In Paris beschäftigte sie sich unter anderem mit Geburtshilfe.
Dort geschah etwas, das ihr Leben erneut verändern sollte.
Bei der Behandlung eines kleinen Kindes infizierte sich Blackwell am Auge. Die Erkrankung führte schließlich dazu, dass sie auf einem Auge das Sehvermögen verlor.
Ihr ursprünglicher Traum, Chirurgin zu werden, war damit nicht mehr möglich.
Aber wieder fand sie einen anderen Weg.
Nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten eröffnete sie eine eigene Praxis. Der Anfang war schwierig. Viele Patienten wollten sich nicht von einer Ärztin behandeln lassen. Auch berufliche Möglichkeiten blieben ihr verschlossen.
Statt sich zurückzuziehen, begann Blackwell etwas Neues.
Sie gründete zunächst eine kleine Ambulanz und eröffnete 1857 gemeinsam mit ihrer Schwester Emily und der Ärztin Marie Zakrzewska die New York Infirmary for Women and Children.
Dort wurden nicht nur Frauen und Kinder medizinisch versorgt. Die Einrichtung sollte auch Frauen eine Möglichkeit geben, medizinische Erfahrung zu sammeln und selbst Ärztinnen zu werden.
Damit hatte sich Elizabeth Blackwells ursprünglicher Kampf verändert.
Am Anfang ging es nur um eine einzige Frage:
Darf eine Frau Medizin studieren?
Später ging es um eine viel größere:
Blackwell setzte sich deshalb auch weiterhin für die medizinische Ausbildung von Frauen ein. Ihre Arbeit trug dazu bei, weitere Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen.
Sie selbst praktizierte später nicht mehr dauerhaft als Ärztin. Doch ihr Einfluss blieb.
Was einst als ungewöhnlicher Wunsch einer einzelnen Frau begonnen hatte, war zu einem Weg geworden, den andere Frauen ebenfalls gehen konnten.
Elizabeth Blackwell hatte nicht darauf gewartet, dass sich die Welt veränderte.
Sie hatte begonnen, ihren Platz in dieser Welt einzufordern.
Manchmal beginnt eine Veränderung mit einem Gedanken, der zunächst völlig unpassend erscheint.
Elizabeth Blackwell hätte akzeptieren können, dass Medizin ein Beruf für Männer sei. Sie hätte die vielen Absagen als Antwort verstehen können. Und sie hätte nachgeben können, als ihr später durch eine schwere Augenverletzung sogar ihr ursprünglicher Traum von einer chirurgischen Tätigkeit genommen wurde.
Sie tat nichts davon.
Ihr Weg verlief nicht gerade.
Er war voller Umwege, Ablehnungen und Rückschläge.
Aber vielleicht ist genau das die bemerkenswerte Seite ihrer Geschichte:
Nicht jeder Weg muss offen sein, wenn man ihn beginnt. Manchmal entsteht der Weg erst dadurch, dass jemand den ersten Schritt trotzdem macht.